Donnerstag, 1. September 2011

Niveauausflüge nach Cochin und Hampi

Letztendlich bin ich ja hier auf einer Bildungsreise. Unter der Woche findet man jemanden, der einen Wochenendtrip organisiert oder man tut es eben selbst. Wenn man hier in Südindien weilt und Hampi nur wenige Stunden mit dem Bus entfernt ist (etwa eine Nacht), muss man sich das angucken. Das hat man uns vorher gesagt und ich persönlich gebe das auch gerne weiter! Mit Cochin ist das ähnlich, dort gibt es zwar nicht soviel zu sehen, interessant ist die Lage und die Situation dennoch, da dort Moschee, Kirche, Synagoge und hinduistische Tempel aufeinandertreffen. Die Kirche war vom Baulichen nicht besonders beeindruckend, ich war lediglich an die Säulen der Erde (Ken Follet) erinnert, da es sich um ein simples Holzdach handelte. Gerade die Art von Holzdach, die man als kleiner Frechdachs anzündet, damit der Papa einen Job bekommt. Cochin ist touristisch überlaufen, ich habe noch nie soviele mittvierziger Französinnen wie dort gesehen. Touristisch überlaufen bedeutet auch, dass die Rickshawfahrer Hellhäutige geradezu angreifen. Ich verlasse also den Bus, gucke mich noch nichtmal um da werde ich schon gefragt 'Rickshaw?'- 'No, thank you!'- 'Tuk - Tuk?', ich denke mir also "Ey Typ, ich will keine Rickshaw, also auch kein Tuk-Tuk" und sage 'No?!?' und aus ihm kommt nur ein total verdutztes 'Why not?!' heraus. Wirkte sehr skuril ein bisschen wie wenn ich eine Zeitung von gestern heute am Kiosk zurückgeben will und mich der Typ fragt 'warum' und ich einfach 'warum nicht' sagen würde.
Jedenfalls gibt es Cochin schon sehr lange und im Laufe der Kolonialisierung haben Portugiesen und Holländer am Süppchen Cochin mitgekocht. Was man in Cochin jedoch hauptsächlich kocht, ist Fisch. Der Ort liegt an der Westküste und ist auf einer Halbinsel. Das touristisch bekannteste Motiv, auf vielen Postkarten sichtbar - sind chinesische Fischernetze. Das sind gut austarierte große Holzbalken (auf der einen Seite das Netz, auf der anderen etwa 800 kg Steine), die alle paar Monate verrotten und neu zusammengebaut werden. Man lässt also dieses große Netz ins Wasser und zieht es später wieder heraus. Ins Wasser lassen bedeutet ein leichtes Anheben (eine Arbeit, die man alleine leicht vonstatten bringt), zum Herausziehen stimmt man ein seemännisches HEYAheyaheyaheyaHEYAheyaheya... an um im gleichen Rhythmus zu ziehen.
Das machte uns Spaß, den Indern machte es Spaß uns ihre Arbeit zu zeigen, wenn man das Bild ansieht sieht man links und rechts des Holzstegs große Mengen an Müll. Ja, das ist richtig, der offizielle Mülleimer in Indien ist einfach Boden. Man ist so müllbewusst erzogen und sucht einen Mülleimer, oftmals für viele Minuten, vergeblich. Der Straßenrand egal welcher Straße sieht zugemüllt aus, das Meeresufer sieht schrecklich aus, zum Zumüllen später nochmehr.
Wir haben tatsächlich einen Fischifisch gefangen!

Diese Gegend um Cochin ist bekannt für eine ganz besondere Art von Theater. Es handelte sich dabei um hochtraditionelles (viele hundert Jahre alte Kunst) Tanztheater. Eine ganze Aufführung dauert so etwa 14 Stunden (mehr oder weniger...), wir sahen einen Ausschnitt in dem Gut Böse bekämpft und gewinnt. Tanztheater in Konstanz war deutlich angenehmer anzuschauen als diese Vorführung. Ich gebe zu, dass die Jungs das bestimmt richtig gut konnten. Diese Art Theater wird jedoch nur an sehr wenigen Schulen gelehrt und diese sind überlaufen. Dort studiert man dann entweder Trommel, Gesang oder Schauspiel (alles etwa 4 Jahre, so genau habe ich mir das nicht gemerkt). Jedenfalls erinnerte das alles stark an Eurythmie. Jede Phrase bekommt eine eigene Bewegung, die Körper und Mimik einschließt. Diese muss nicht intuitiv verständlich sein. Daher kann man selbst mit Inhaltsangabe dem Stück nicht folgen. Es wirkt wie ein schräges Getanze zweier Männer, die enorm geschminkt sind. Ahja, bevor diese 2 Szenen gespielt werden, wird auf traditionelle Art geschminkt, man nimmt bestimmte Steine und Kokosnussöl (natürlich, man ist ja in Kerala) und reibt diese auf einer Art Schieferpalette. Damit färbt man dann sich und seine Kollegen ein. Zeitweise wirkte das wie eine homoerotische Bodypantingparty.
In der Bildmitte, der Dämon, der später noch umgebracht wird. Links der Trommler, der dafür 4 Jahre ausgebildet wurde.

Laut Ausflugsplan haben wir dann noch einen Backwatertrip gemacht, also sind in eine Nussschale eingestiegen und sind durch die kleinen Wassergässchen gegondelt. Zwischenhalte haben uns gelehrt, wie man aus Kokosnussschale Seile herstellt, wie man Kokosnussfruchtfleisch von der Schale trennt und dass es selten vorkommt, dass man von einer Kokosnuss erschlagen wird. Außerdem wäre das nichts Schlimmes, die Kokosnuss in Kerala eine heilige Frucht ist. Während wir also durchs Wasser dümpeln werden wir von Wasserschlangen begleitet, sehen natürlich Kühe, die gibt es ja hier überall, einen Kingfisher (das ist der Blau-Orangene Vogel, das Wappentier eines der zwei größten Unternehmen, dieser Vogel prangt auf Bier einer Airline, Wasser und Kram - in dieser Reihenfolge). Und das Highlight: Ich war dort wo der Pfeffer wächst. Also Pfeffer (holt man mit 9 Mannen in einem Land für alle, die in die Fuggersche Kaufmannslehre gingen) wächst an einem Baum als Ranke, aber nicht als Parasit. Das ist unserem Führer und bestimmt auch dem Pfeffer wichtig. So roh vom Baum ist er grün und schmeckt noch nicht (trocknet man ihn bekommt man grünen Pfeffer für die Mühle). Verschiedene Trocknungen lassen ihn entweder schwarz, weiß oder rot werden. Dann zeigte man uns einen Baum dessen Blätter zum Würzen genutzt werden, diese heißen vielversprechenderweise Allspice. Vielleicht ist es dieses Gewürz, was jedem indischen Gericht beiwohnt, auch wenn es nur ein Käse-Tomate-Sandwich ist. Direkt daneben wuchs ein Zimtbaum. Zimt selbst ist ja bekanntlich eines Baumes getrocknete Rinde. Ritzt man den Baum frisch an (findet man dahinter entweder die Made mit dem Kinde - oder eben nicht) und isst den Zimt direkt pur, so schmeckt er zunächst süß, dann wie man Zimt kennt und dann etwas scharf, interessante Kombination. Zuallerletzt machte man uns mit der Muskatpflanze bekannt. Für mich gab es bisher nur die dazugehörige Nuss zum Reiben in Kartoffelbrei. Genauso geschmacksintensiv, aber viel einfacher zu verarbeiten ist die innere Schale. Diese ist rot und sieh etwa so aus wie eine Hundelefze, wahrscheinlich gibt es die daheim nicht, da sie sich nicht solange im Kontainer auf dem Schiff hält. 
Eine 14 Stunden lange Heimfahrt im Bus ein paar Arbeitstage und eine 10 Stunden Lange Hinfahrt später sind wir in Hospet. Das ist nicht soweit von Hampi, dem bekannten Tempelhampi entfernt, also machen wir uns auf den Weg dahin, in Rickshaws, natürlich wollen alle Fahrer uns gleichzeitig befördern und diese streiten sich um uns vielzahlende Kunden. Jedenfalls regelt sich das nach einigen Sekunden lautstarkem Gezeter und wir sind endlich auf dem Weg in die heilige Stätte Hampi. Dort angekommen sehen wir lauter Restaurants und Hotels, die behaupten europäisches Essen servieren zu können. Nach einem Frühstück in einem Solchen war manchen von uns das Gegenteil bereits bewiesen.
Wir kauften uns einen Führer, der uns Hampi selbst, die Tempel, die Umgebung und alles Sehenswerte zeigt. Da man natürlich nicht laufen mag, mieten wir uns Mopeds. Zwölfköpfige Mopedgang im indischen Linksverkehr mit inflationärem Gebrauch der Hupe, die an die Drehzahl gekoppelt ist. Also immer schön Hupen und Vollgas, sonst hört keiner. 
Ein Sechstel der Mopedgang
Neben Tempeln in Hampi hatte das Wochenende noch Tempel in Badami zu bieten. Auf dem Weg dahin machten wir Zwischenstops an anderen bekannten Sehenswürdigkeiten. Dort heißt es auf Schildern 'Indians 10 Rs',  'Foreigners 250 Rs'. Ich möchte nicht wissen, was die Mainau an den Kopf bekommen würde, würde man den 25-fachen Preis als Eintritt verlangen, das wäre für die französische Rentnerwohngemeinschaft pro Kopf mehr als 300 Euro. Ich kann verstehen, dass man soviel Geld wie möglich aus uns reichen Europäern, Russen und Amerikanern pressen will. Nur gibt es Länder in der Welt, in denen man sich 250 Rs. für alte Gebäude zehnmal überlegt, weil das Lohnniveau einfach gleich dem in Indien ist - Schweinerei sage ich da. Und habe ab dann loyal an jeder Sehenswürdigkeit (Indisch zu Ausländisch ist mindestens Faktor 10) dem Verkäufer einen Besuch im deutschen Museum zum Schnäppchenpreis von 8000 Rs. angeboten (80% der Inder haben etwa 30.000 Rs. pro Jahr zur Verfügung). Einer hat auch glücklicherweise verstanden worauf wir hinauswollten, naja nicht zu ändern. In Badami hat man Tempel in natürliche Höhlen eingeschnitten. In einer der Höhlen war auch eine Buddhastatue, dieser wurde leider das Gesicht abgeschnitten, Religionen sind untereinander einfach nicht kompatibel. 
Die haben sich mit den Tempeln wirklich Mühe gegeben.

Von diesen Höhlentempeln aus konnten wir das örtliche Wasserreservoir sehen. Das war umgeben von Treppenstufen und sah in der örtlichen Hitze zum Baden sehr einladend aus. Wir hatten noch eine Stunde bis wir zurück mussten, also machten wir uns auf den Weg um diesen Tümpel. Vorbei an einer Kuhwaschanlage, einigen Indern, die sich hinter Steinen aufhalten um sonstwas zu verrichten zu einer Höhle, die man nur kriechend betreten kann. Bewegt man sich dann noch weiter kommt man zu dem Punkt, wo das Wasser jeglichen Ballast ablegt, also alles was dieses Wasserreservoir, was als Trinkwasser genutzt wird, so abbekommt:





Schuhe sind dabei, glaube ich, noch das geringste Problem. Mich hat die farbliche Ähnlichkeit zum Pflanzenleben erstaunt. In Indien ist prinzipiell alles eine Müllhalde, darüber habe ich mich auch viel mit den Indern hier unterhalten, die sagen alle 'The problem is just, that there are too many Indians...'. Zuviel Arbeitslosigkeit, zuviel andere Probleme, wieso noch um Umweltverschmutzung kümmern, wenn du kein Dach über dem Kopf hast und Hunger leidest (Maslow lässt grüßen).
Zurück nach Hospet. Nach dem Abendessen machen wir uns auf mit einigen Rickshawfahrern einen Preis für 10 Personen auszuhandeln. Wir einigen uns auf 50 Rs. pro Person und wollen einsteigen. Eine Gruppe anderer Rickshawfahrer bietet 450 und es kommt zum Streit. Wir haben ja zugesagt und auf uns Europäer ist bekanntlich Verlass, also wollen wir einfach nur noch los. Die Inder schubsen sich noch etwas rum (spielen shaking Ullrich) fahren uns aber schlussendlich doch noch nach Hause.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg auf einen der umliegenden Hügel zu laufen (Hampi ist bekannt als Boulderparadies, wegen der großen Steinformationen, sieht beeindruckend aus. Entstanden aus Vulkanen vor vielen Millionen Jahren) um den Sonnenaufgang zu erleben. Sehr beeindruckend trotz Bewölkung! Das Genießen hat in mir dem Bildermachen Überwogen, ich muss nur mindestens ein Bild des Hauptportals des Tempels in Hampi veröffentlichen: Dieses zeigt das Portal in den ersten Sonnenstrahlen eines großartigen Tages, an dem wir die restlichen Sehenswürdigkeiten auf Fahrrädern erkundet haben


Später schreibe ich vielleicht noch von dem vielleicht verrücktesten Tanz, der jemals auf einer indischen Bühne vorgeführt wurde, sowie dem anschließenden Wochenende am Strand in der Nähe von Gokarna (nicht so weit südlich von Goa...) was an Verrücktheit einiges zu bieten hatte.
Namaste

1 Kommentar:

  1. I like the Mopedgang :D http://shechive.files.wordpress.com/2011/03/celeb-photos-7.jpg?w=920&h=1198

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