Dienstag, 19. Juli 2011

Mein erstes Wochenende

Nachdem man nach dem Entpacken (für alle, die noch nie mit mir verreist sind: Entpacken = Koffer auf, wichtige Sachen raus, Sachen rumliegenlassen, gehen) sich so fit fühlt, macht man das Beste aus dem angefangenen Abend.
Man guckt sich die Stadt mal zu Fuß an, gewöhnt sich an Straßenverkehr (mittlerweile höre ich nichtmal mehr das Hupen) und kauft das Nötigste. Danach lernt man kulturelle Dinge kennen, z.B. muss man in Indien unbedingt mal etwas vom Straßenverkäufer kaufen. Ja in jedem Reiseführer steht drin: mach das nicht! Aber es ist ein Erlebnis mal so Rauchware zu probieren, auf die Frage "is that illegal?" kommt eine Antwort wie "nobody asks that", also mal probieren, ist wie Shisha eisgekühlt mit interessantem Geschmack, achja man sagte vorher "your head will - boom", indeed sir, it booms. Irgendwie landet man dann beim Abendessen, das mündet irgendwie in eine Bar, diese muss zwar schon um 0:00 schließen, aber bis dahin ist genug Zeit für die Einheimischen völlig abzudrehen und für die Europäer zu erkennen, dass europäischer Bierdurst nichts für die Nachahmung Ungewohnter ist.
Nach einer so anstrengenden Nacht muss man natürlich erstmal eine Mütze Schlaf bekommen und genehmt sich gegen 13:00 ein Frühstück, etwas Indisches, wobei ich mir Namen nicht merke(n kann). Da ich leider zu spät war um mit nach Goa zu fahren (Party, Party, Party, aber der Bus war schon voll) fuhr ich nach Udupi und hab mir das mal angeguckt. Der interessante Teil der Geschichte ist das Busfahren: Den richtigen Bus zu finden ist nicht so schwer, man macht einfach die Ohren auf. Reiseziele sind natürlich nicht auf Schildern (erst gar nicht elektrisch) angeschlagen, sondern der Schaffner weist zurückhaltend darauf hin, dass der Bus aus dem er raushängt ein Ziel hat: "UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI" für diese Zeichenkette braucht ein erfahrener Schaffner ernsthaft etwa eine Sekunde, wahnsinnig schnell. Gleichzeitig kann er das natürlich auch zurück nach "MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL". Jedenfalls setze ich mich recht naiv in den Bus, erkenne noch, dass auf der rechten Seite für Frauen reserviert ist, puh, erstes Fettnäpfchen umfahren. Dann aber sofort der erste Fehler: Ich hänge ganz lässig meinen Arm aus dem Fenster, fühlt sich erfrischend an! es ist aber nicht ungefährlich, da man den Arm auf der Fahrt möglicherweise liegen lässt! Trotz allem ist so eine Busfahrt etwas ganz Besonderes, gerade wenn man dabei einen Elefanten überholt. Ich war natürlich der Einzige, der mit großen Augen im Bus saß. Jedenfalls nimmt man in der Regensaison in einem Bus ohne Fenster und Türen einiges an Wasser mit, mittlerweile bin ich aber daran gewöhnt, Füße, Schuhe und Hosenbeine sind selten trocken. Meinen Samstag beende ich früh, die Müdigkeit der Reise übertrumpft das Adrenalin des Neuen und des Straßenverkehrs.
Dosa, typisch indisches Essen
Philipp ist aber gewillt auch kulturell etwas mitzunehmen, also gehe ich am Sonntag mit einigen anderen Praktikanten und ein paar Betreuern ins Kino, Dehli Belly, sehr lustig, wenig indisch, leider sehr viel hindi, das heißt kein englisch, keine Untertitel. Meine indische Sitznachbarin war aber so freundlich das Wichtigste zu übersetzen. Provinzkino in Indien ist aber nicht einfach ein kleines Kino, nein man verkauft Karten bis keiner mehr kommt. Man zahlt ja auch für den Film, nicht für den Sitzplatz. Gleichzeitig ist Kino auch etwas besonderes, und da dieser Film mit Schimpfwörtern und Fäkalhumor gespickt war, jubelte man häufig, Jubeln ist aber kein "oooohahahaha" wie im Wernerfilm, sondern ein Preifkonzert das nichtmal die Fortuna in Köln kriegen würde (okay, das ist vielleicht übertrieben). Kino ist aber ja nicht so richtig kulturell hochwertig, also besuche ich zum ersten mal einen Tempel (ich glaube, ich werde noch mehr davon sehen). Udupi Temple, sehr alt, erstaunlich viel Silber und Gold! Bei Tempeln lässt man sich nicht lumpen in Indien. Das absolute Highlight ist aber das Tempeltier. Dieses ist nämlich ein Elefant, jeder Tempel hat einen Tempelelefant, von diesem kann man sich auch segnen lassen. Der Elefant nimmt dafür ein Geldstück, in meinem Fall 2 Rupien (ca. 32 cent), das heißt der Elefant hält einem seinen Rüssel hin, man legt das Geldstück hinein, er hebt seinen Rüssel an, stupst dem zu Segnenden auf den Kopf und gibt das Geldstück mit einem klirrenden Geräusch seinem Herrn weiter. Wahnsinn, dieser riesige Elefant und so ein angenehmer Stups, man fühlt sich auch direkt besser. Also beschließe ich mehr von dieser Religion zu erfahren, die mir solche Freuden beschert. Zuerst gibt es aber etwas zum Abendessen, sehr traditionell in der Nähe des Tempels: Dosa, wie ein dünner großer etwas festerer Pfannkuchen, mit interessantem Dip, nach Belieben auch mit scharfem Innenleben.

Symbolik im Hinduismus (steh nich auf Bilderkippen), hat auch mit dem Text nichts zu tun

Ich nehme bis zum 30.09.2011 noch Bestellungen an.
Im Gespräch lernt man also drei Hauptgottheiten kennen, deren Namen ich aus Respekt nicht versuche zu schreiben. Dazu hat jeder dieser Götter viele Kinder und jeder ist mit jedem Verwandt, ein bisschen wie in der Bibel, nur dass hier jedes Kind die Familienverhältnisse kennt, wohingegen man in Deutschland komisch angeguckt würde, fragte man nach den Söhnen Abrahams. Liebe katholische Kirche: Nehmt euch ein Beispiel am Hinduismus, bringt diese Art religiöses lustiges Taschenbuch heraus, Amar Chitra Katha. Natürlich habe ich sofort zwei erstanden (Es gibt anscheinend hunderte dieser Hefte!)!
Jedenfalls lässt man so ein Wochenende dann gerne bei dem leckersten Schokoladeneiskaffee überhaupt ausklingen, die Speisekarte offerierte verschiedenste Versionen, alle mit Devil oder Sin im Namen, sehr schokoladig, sehr super!
Irgendwann fängt man aber zu Arbeiten an und macht tatsächlich das mit der Physik, das ist aber eine andere Geschichte.

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