Noch ein letztes mal eine mitteleuropäische Bodentoilette, dann ab ins Flugzeug, Fernseher an und 'Airbus Front Cam' sehen, es ist 21:50, man sieht nichts. Im Flugzeug kommt das übliche: Sekt für die Touristenfrau, Bier für den Touristen, Tomatensaft für die Unentschlossenen. Dazu ein Sabbernder auf der rechten Seite und Prototyp deutscher Tourist auf der Linken. Dieser will zunächst das Essen ablehnen, weil der Tisch nicht auszuklappen geht, seine Frau ihm aber doch hilft und die untere Tischkante an der Hauptbauchfalte (Die, die an den Bauchnabel anschließt) fixiert! Nach dem Essen möchte deutsche Touristenfrau sich aber zunächst frischmachen, sie sitzt aber am Fenster, also kommt es wie es kommen muss und Touristenprototyp räumt, beim Versuch sich geschmeidig im Gang zu drehen, mit seinem Heck meinen Tisch ab.
In Dubai erwarten mich mehrere Stunden Aufenthalt, ich gehe damit nicht sparsam um und schlendere so durch die Gegend. Meine Trajektorie ähnelt einer geschriebenen 56, bei der man später erkannt hat, man möchte doch lieber eine 81, ich bin also überall so ein bisschen gewesen. Im Duty-Free Geschenkeshop finde ich Kiloweise NIDO (Nestle Milchpulver Zeug) und habe die Hoffnung vielleicht auch ein bisschen Panda zu finden, ich hätte da niemals nein zu sagen können. Hat leider nicht geklappt, vielleicht auf dem Rückweg. Stattdessen gebe ich mich dem Durst hin und fange an einzukaufen. Ich habe ein paar Dirham und weiß überhaupt nicht was die Wert sind. Ich fange also an: Eine Flasche Wasser 0,6 l, Marke unbekannt, für 7 Dirham. Das ist jetzt mein Referenzwert. Kurze Zeit Später finde ich eine Flasche Sprite 0,5 l, eisgekühlt für 2 Dirham, Schnäppchen Quasi und gönne mir das Dubai-Touristenfrühstück bestehend aus einer Art Big-Mac, dessen Geschmack vom allgegenwärtigen Kreuzkümmelaroma überlagert wird, sogar das Geld riecht nach Kreuzkümmel. Nach einem weiteren Random-Walk am Dubaier Flughafen wird es Zeit die Reise gen Indien anzutreten: Ich schnappe mir also die Financial Times und lese den Titel über die Bombings in Mumbai, Flughäfen in Chennai, Delhi, Kalkutta und Bangalore seien zusätzlich gesichert: Ich bin gespannt, steige in den Bus Richtung Flugzeug und denke mir, die Abgase von den Bussen machen ganz schön viel Wärme. Als ich neben dem Triebwerk des Maschinenvogels meiner Wahl stehe, wird mir klar: Es ist unendlich heiß hier in Dubai. Ich stehe tatsächlich in einer Wüste, aber es ist nicht unangenehm! Und da die Touristen einer Reise ins ferne Indien entsagen, bleiben Einheimische und wenige (4 europäisch anmutende Menschen) andere übrig einander gegenseitigen Schweiß zu riechen. Ich rieche noch immer nichts als Kreuzkümmel.
Es ist irgendeine Uhrzeit, ich habe etwa 2 Stunden Schlaf im Körper, fühle mich aber Pudelwohl. Ich habe jetzt eine interessante Art Essensäquator überwunden (Der Weißwurstäquator kann da nicht mithalten!), zuerst ging das Schwein über Board, jetzt auch noch das Rind. Ich esse aber mal was vegetarisches, interessante Konsistenz gepaart mit Curry, diese weltbekannte Küche der Fluglinie Emirates gibt einiges her. Nachdem sich Sucker Punch als Blödsinn entpuppt, vage ich einen Blick auf den Schirm des Nachbarn, dieser verfällt alle 5 Minuten in Lachkrämpfe, also mal gucken. Es ist den Farben nach Bollywood, die Handlung teilt sich in zwei Elemente: 1) Ältere Herren streiten sich, am Ende kommt etwas Witziges, Mann neben mir lacht. 2) Junge Menschen tanzen, am Ende kommt etwas Witziges, Mann neben mir lacht. Ich bin fest entschlossen Bollywoodfilme zu gucken!
In Bangalore bekomme ich unerwartete einfach meinen Koffer, kann unerwartet zügig einreisen und komme unerwartet früh in Kontakt mit meinen neuen Freunden: Typ Kleinunternehmer, Branche Reiseführung. Noch in der Ankunftshalle, die durch das Militär von Nichtreisenden geschützt wird, bietet man mir Lautstark und vehement seine Dienste als Taxifahrer, Hotel oder Abenteuerreisenveranstalter an. Ich habe aber einen Plan: Ich gehe erstmal Geld tauschen, 40€ sollen irgendwie sowas wie 2330 INR wert sein, ich erhalte 2300, seien ja noch Tax etc. drauf. Ich fühle mich zunächst in meiner Reiseehre gekränkt, kann aber mit dem Betrug über 80 cent noch zufrieden sein, wie ich später feststelle. Laut Plan reise ich jetzt mit dem Bus nach Kempegowda, Majestic Bus Stand, mitten in Bangalore. Ok raus aus dem Flughafen- rein ins Getümmel. Ich sauge gerade alles neue auf, mit Augen, Ohren und Nase - und bin zunächst überwältigt. Ich sehe zwar kaum ein Auto in Bewegung, trotzdem hupt man nach Belieben. Das System dahiner wird mir später aufgehen. Auf meiner Suche nach dem Busterminal am Flughafen Bangalore International, über dessen Größe der Flugplatz in Konstanz sich als International definieren könnte, wimmele ich effektiv die nächsten 40 Kleinunternehmer vom Typ Reiseführer ab. Ich wirke mit meinem roten Bart einfach zu europäisch und damit unendlich reich!
Der Bus in die Stadt hat Türen, einen Fahrkartenverkäufer (Schwarz fahren gibt's nicht! Du steigst ein, wartest, bezahlst dein Ticket), einen Fahrer und eine richtig knackige Soundanlage, die die Reisenden richtig in Fahrt bringt.
Man traut sich also aus dem Fenster zu schauen (links) und sieht sich in allen Erwartungen bestätigt: 1 Mio Rollerfahrer ohne Helm, junger Mann am Steuer, eine beliebige Anzahl Kinder auf dem Sitz und die Mutter hinten drauf, Sicherheitsgurt vom Typ 'Mutters Arm'. Bei Anwesenheit nur eines Kindes ist es möglich während dem Rollerfahren dieses zu Stillen. Beim Blick nach rechts sehe ich einen Bus vom Typ 'Bud Spencer und Terrence Hill in Brasilien in den 50er Jahren' proppevoll mit einer großen Anzahl von Reisenden auf den Stufen, achja natürlich ohne Türen.
Und dann passiert etwas völlig unerwartetes um 18:30 Ortszeit geht einfach die Sonne unter, die Dunkelheit passt zwar in meinen Biorhythmus, nicht aber in den Plan in Bangalore meinen Anschlussbus zu finden. Dort bin ich als Reisender aus dem neuen roten Bus mit Türen ein potentieller Kunde für die nächste Schar Kleinunternehmer, diesmal möchte ich doch den Dienst in Anspruch nehmen und frage nach dem KSRTC Stand. Anscheinend sei das nicht das Richtige für mich, ich bräuchte etwas Besseres, er kenne sich aus und möge mir helfen, my friend. Nein Danke, ich gehe mal in -hmmm- diese Richtung: Dort ist eine Sicherheitskontrolle und ein verblichenes Schild KSRTC, das war ja leicht. Sicherheitskontrolle meint: Da ist so ein Automat, der immer piept wenn jemand hindurchschreitet, vielleicht greift man ein, wenn es nicht piept, man weiß es nicht. Dahinter erreichen mich erneut Kleinunternehmer, erneut versuche ich ihre Dienste in Anspruch zu nehmen und frage nach der Toilette. Ich habe mich auf einiges vorbereitet und am Ende sieht das da nicht viel anders aus als die alte Pipirinne in Knechtsteden, nur dass das viel größer und geruchlich anspruchsvoller ist. Es riecht nach allem, nur nicht sauber. Ich habe noch ein paar Stunden Zeit und lese ein bisschen, Koffer zwischen so Pollern eingeklemmt, Rucksack um die Beine, ich bin ein wenig misstrauisch.
Da sitze ich also in Indien, es ist wahnsinnig laut, es riecht nach komischen Sachen, ich scheine eine Attraktion zu sein, mein roter Koffer ebenso. Da kommen kleine Kinder und erklimmen ihn, halten sich am Griff fest und sind die Könige der Welt und tippen mir ständig auf Kopf, Schulter und Gesicht rum. Ich kontrolliere relativ panisch die Anwesenheit von Geld, Reisepass und Handy, doch diese Kinder sind nicht durch die Ausbildung in der Düsseldorfer Weihnachtszeit gegangen.
Meine Abfahrtszeit rückt näher und ich versuche rauszufinden welchen Bus ich nehmen will. Leider bin ich nicht fähig den örtlichen Englischdialekt zu verstehen, bis ich an einen Wachmann gerate, welcher viele bunte Sachen um sich herumhängt. Dieser spricht englisch und kann mir sagen, dass Gate 1 das Richtige ist. Da ich als planungsorientierter Mitteleuropäer meine Busreise im Voraus gebucht hatte und ich wusste es ist das Modell Volvo Airvat (Klimaanlage ist Top-Notch) suchte ich mir den europäisch anmutenden Reisebus, verschenkte meinen roten Koffer an diesen freundlichen Herren und ließ mich nach Vorweisen des Reisepasses in den Bus schieben. Dieser ist sehr bequem, es fällt mir aber schwer zu schlafen, der Blick aus dem Fenster ist atemberaubend. So viele Menschen auf Rollern, in Bussen, wenige in Autos, aber vor allem auf der Straße, ganz viele kleine Läden vom Apple-Trusted Reseller zum Handyverkäufer Typ 'Vom Laster gefallen' Es ist etwa 22:30 und es bleibt gewohnt laut.
Beim Blick auf die Uhr ist es irgendwann 3:00 morgens, es bleibt laut und die Hütten, auch Bretterverschläge am Straßenrand genannt, sind beleuchtet, der örtliche Kleinunternehmer ist bereit die Nachfrage der Laufkundschaft zu bedienen.
Ich sehe mich einem anderen Problem gegenüber stehen: Ich kenne den Fahrplan nicht, und verstehe nicht was der Reisebegleiter ruft. In einem Ort, an dem Viele Firmen Manipal im Namen stehen haben, fühle ich mich dem Ziel nah genug, den Bus zu verlassen. Mein Buskutscher ist aber informiert und sagt mir "Udupi?" - "No, Manipal" - "Next Manipal, Sit" - "Thank you, Sir". Ich steige also doch nicht aus, setze mich aber in die erste Reihe um das volle Geschmackserlebnis Indischer Straßenverkehr zu erhalten. Ich glaube, ich werde gerade in die Feinheiten der Hupenbenutzung eingewiesen: Vor dem Überholen, nach dem Überholen, wenn man anzeigen möchte, dass der Hintermann überholen soll und wenn man den Vordermann überholen möchte. Beim Spurwechsel, Abbiegen oder aus Freude. Interessanterweise gibt sehe ich kaum Schrammen: Weder an Autos, Autorikschas (Dreiräder mit Motor und lustiger Musik), Motorrädern oder Bussen. Man unterhält zwar Ampeln, diese sind aber im Dauermodus gelbes Blinken. Gleichzeitig scheinen alle Verkehrsteilnehmer hier Energie zu sparen. Das Licht wird nur angeschaltet wenn unbedingt notwendig: wenn es Straßenbeleuchtung gibt, schaltet man das Licht am Motorrad besser aus. Stattdessen hupt man, wenn man bemerkt werden möchte! Aus meiner ersten Reihe heraus entdecke ich also massenhaft Geisterfahrer, mein Buskutscher - die Ruhe selbst manövriert sein Schiff sicher in meinen Zielhafen Manipal, Am Tiger Circle morgens um halb 7 ist tatsächlich Ruhe. Ich Folge den Anweisungen in meiner letzten Email und fordere den Autorikschafahrer auf mich zum Innovation Centre of MIT zu bringen, dieser schüttelt nur den Kopf und fährt los, alle anderen 'Taxis' sind mit ihren Kunden abgezogen, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg in die Richtung, die am ehesten nach Indiens führender Technologiestätte riecht. Bis hierhin hat alles wunderbar geklappt. Die Odyssee beginnt an diesem Morgen.
Edit: Ganz vergessen, die Abfahrt in Udupi verzögerte sich, da eine Kuh auf der Straße stand. Kuh bedeutet stiktes Hupverbot und kein schnelles Vorbeifahren. Wenn es also plötzlich ruhig ist im Straßenverkehr, ist entweder Regensturm (wie in diesem Moment, da hört man nur das Wasser) oder eine Kuh steht im Weg.
Edit: Ganz vergessen, die Abfahrt in Udupi verzögerte sich, da eine Kuh auf der Straße stand. Kuh bedeutet stiktes Hupverbot und kein schnelles Vorbeifahren. Wenn es also plötzlich ruhig ist im Straßenverkehr, ist entweder Regensturm (wie in diesem Moment, da hört man nur das Wasser) oder eine Kuh steht im Weg.
schöner bericht herr krauspe!
AntwortenLöschenvielen dank für die abenteuerliche, wenn auch imaginäre, flucht aus den untiefen der nbib. pass auf dich auf :P
Abgesehen vom Abenteuer selbst schaetze ich Ihre hohe literarische Kunst, Herr Krauspe. Es liesst sich, nun sagen wir aeusserst amuesant. Scheint als wuerden Sie viel Lustiges erleben - zumindest aus der Zuschauer-Perspektive. ;)
AntwortenLöschenWeiter so, ich erkenne Potential!