Donnerstag, 28. Juli 2011

Dieses Monte Carlo

Hotellobby/-Restaurant/-Wohnzimmer 1000 Rupien die Nacht
Namaste, wenn man hier neue Leute kennen lernt läuft das immer nach demselben Schema ab, "Hi, I am Philipp, I am German" - "I am ... from ...". Dann tauscht man fix das Studiengebiet aus und fragt "Have you met your professor?". Und ich habe meinen Arbeitgeber getroffen, mich kurz vorgestellt und mit ihm ein bisschen Klönschnack über die Reise und das Essen und mein bisheriges Empfinden gehalten. Er war erfreut, ich war erfreut und so hat er mir ein paar Arbeitsaufträge gegeben. Ich gebe zu, dass ich mich noch nicht überarbeite, aber es ist auch schwierig neben all den Pflichten als internationaler Austauschgast, seine Zeit zum Arbeiten zu finden. Im Büro muss man sich damit herumschlagen, was man am Wochenende macht, so bin ich letztes Wochenende in den Bandipur-Nationalpark und nach Mysore gefahren. So eine Organisation läuft eigentlich immer gleich ab: Am Anfang steht der Wille einer Einzelperson "I wanna go ..., you in?". In diesem speziellen Fall hat der Ire Ryan seinen Wochenendplan so eingeführt "We'll book the bus to Bandipur national park for friday 9 pm, have an early morning safari, see some tigers and shit, go to Ooty, dinner in Ooty, drinks in Ooty, hotel in Ooty, see some temples, or whatever there is to see and go back to Manipal, you in?" - "Definitely, nice plan". Da dies ein großartiger Plan war, fanden sich schnell knapp 30 Mitstreiter, glücklicherweise darunter 4 Inder, da Busfahrer kein Englisch sprechen und auf die Frage nach einem "stop for water please" - "water?, yes, water!" einen Stop an einem berühmten Wasserfall machen. Viele Köche verderben den Brei und man plant am Ende doch um...
Bild von mir persönlich geknipst.
Zwei Busse inklusive Busfahrer fahren mit uns beladen um 9 Uhr abends los, unsere Busfahrer überholen rücksichtloser als jeder M3-Fahrer in jeder Kurve, bergauf, bergab und obwohl wir schneller als jeder andere Bus/Lkw/Motorrad/Pkw unterwegs sind ist die Durchschnittsgeschwindigkeit trotz Schnellstraße bei etwa 25-35 km/h. Wir erreichen den Nationalpark daher nicht früh genug, können nicht auf Morningsafari gehen und gehen deshalb erstmal in unser Hotel vom Typ Bretterverschlag, Dschungelcamp. Die Wände aus Wellblech oder diesem bunten Billigkunststoffwandtyp, jegliche Stützen aus Holz, Böden aus Kacheln (selten) oder gestampfter Erde und Teppichen. Da es sich um ein Dschungelhotel handelt, sind auch diverse Dschungeltiere vorhanden. In unserem Fall Hunde, Makaken und andere Affentiere, sehr schlau. Da wir von der langen Reise erschöpft einfach unsere Sachen in die 'Hotelzimmer' geworfen haben um zu frühstücken, haben wir keine besonderen Vorkehrungen getroffen. Es kommt also wie es kommen muss und die Affen ergreifen Besitz jeglicher Kekse, Chips, Kosmetikartikel mit angenehmem Geruch. Jetzt kann man sagen: Glück hat der, der keine Kosmetikartikel mit sich führt (man könnte es vermuten, jedoch gehöre ich nicht dazu) oder derjenige der seinen Skirucksack mit den besonders festen Reißverschlüssen nutzt, mein Typ. Diese flinken Äffchen haben tatsächlich die Rucksäcke aufgemacht und alles geklaut. 
Safari haben wir natürlich trotzdem gemacht, also in diesen interessanten Jeep gestiegen ein bisschen rausgehängt vom Typ Steven im Film Schule ("... na denn Attacke oder?"). Dann sieht man Pfauen, ein paar riesige Vögel, natürlich Tempel, leider keine Tiger, aber wenigstens dann doch noch einen wilden Elefanten und ein Bison. So ein Bison ist einfach verdammt groß, also so richtig groß! Safari ist eben nur in den Randgebieten erlaubt, im "coreforest", wo die Tiger leben, wobei jeder einzelne ein Revier von etwa 2,5 km³ beherbergt kann und sollte man sich nicht aufhalten, jedoch ist dieser nur durch einen schmalen Fluss getrennt. Dazu kommen natürlich alle möglichen nichtscheuen Tiere wie Dschungelrehe, Kühe (die laufen sowieso überall herum) und Katzen und Hunde (laufen auch überall rum). Dazu sehr viele exotische Pflanzen und eine Menge Spaß mit den Mitrerlebenden. Glücklicherweise hatte unser Jeep Aditi, IAESTE am MIT, an Board. Sie hat uns dann parallel noch alles mögliche, was der Fahrer so auf Hindi vor sich hingesagt hat, übersetzen können.
Nach einer langen Safari kommt der Gedanke auf, man müsse noch schnell den Geburtstag des Tages feiern, also ab zum Liquorstore und das leckere Kingfisher eingepackt (hier gibt es alles von Kingfisher: Airlines, Bier, Hotels, ... sogar der Formel 1 Rennstall Force India soll dazugehören). Da hier immernoch Winter ist, geht die Sonne früh unter und wir müssen schnell Richtung Hotel, Tiger-Ranch zurückkehren (Die Autos können den Dschungelfeldweg natürlich aus Gründen misslicher Traktionsverhältnisse nicht nutzen). Das ganze fing dann auch wie die Nachtwanderung auf der Klassenfahrt an, entwickelte sich aber zum Erschreckspiel Horrorfilm, da ein einzelnes Tier auftauchte. Im Dunkeln sehen die auch alle gleich aus, problematisch ist nur, dass Ochsen und Dschungelhirsche etc. Herdentiere sind. Ein einzelnes dunkles Wesen rieche eher nach Panther sagte uns unser Führer (natürlich erst danach). Jedenfalls zurück auf der Tiger-Ranch gibt es indisches Abendessen (überhaupt gibt es eigentlich immer indisches Essen, daran gewöhnt man sich und es ist wirklich lecker) und europäisches Abendtrinken am Lagerfeuer mit Dschungelgeräusch im Hintergrund und ab und zu einem Feuerwerkskörper, den wir an Silvester unter dem Decknamen "Besonders laut aus China und in Europa nicht zugelassen" auf dem Schwarzmarkt erwerben würden. Die Knallgeräusche halten wilde Elefanten davon ab sich zu nähern. Man lernt andere Hotelgäste kennen und macht sich einen schönen Abend, der länger und länger wird, da man ein bisschen Angst hat, die Affen könnten einem das Bett verunstaltet haben.
Glücklicherweise haben sie das nicht und lassen mich und meine Zimmerkollegen schlafen, am Morgen stellt sich heraus, dass einige Affen in einem weiblich bewohnten Badezimmer morgens um 6 das Badezimmer okkupieren und für einigen Schrecken sorgen, aber sich nicht über die Maße danebenbenehmen.
Wie man sich aus dem Dschungel wieder entfernt und sich die Stadt der Könige und Maharadschas, Mysore anschaut, schreibe ich vielleicht morgen, wenn ich wieder arbeite. Achja apropros Arbeit, die Überschrift Monte Carlo beschreibt was ich hier tue: Radioaktiven Zerfall mithilfe von Zufallszahlen simulieren, das ist aber nicht annähernd so spannend wie Indien und seine Herausforderungen.
Namaste

Donnerstag, 21. Juli 2011

Nur ein paar Bilder

Da mein polnischer Mitbewohner sich die Zeit nimmt mit seiner deutlich besseren Kamera Bilder zu schießen, sehen die auch besser aus. Glücklicherweise nimmt er sich auch die Zeit und das Trafficbudget (10 Gigabyte maximal pro Monat) diese hochzuladen. Auf: http://indie-iaeste.blogspot.com/ kann man das nachgucken, ok ich gebe zu es ist polnisch, man kann es sich übersetzen lassen, muss man aber nicht.
Für alle die, die mal wissen wollen wie Gäste des MIT in Indien untergebracht werden. Was der junge Mann an Essen fotografiert, esse ich auch.
Die Geschichte mit der Physik kommt auch bald.

Dienstag, 19. Juli 2011

Mein erstes Wochenende

Nachdem man nach dem Entpacken (für alle, die noch nie mit mir verreist sind: Entpacken = Koffer auf, wichtige Sachen raus, Sachen rumliegenlassen, gehen) sich so fit fühlt, macht man das Beste aus dem angefangenen Abend.
Man guckt sich die Stadt mal zu Fuß an, gewöhnt sich an Straßenverkehr (mittlerweile höre ich nichtmal mehr das Hupen) und kauft das Nötigste. Danach lernt man kulturelle Dinge kennen, z.B. muss man in Indien unbedingt mal etwas vom Straßenverkäufer kaufen. Ja in jedem Reiseführer steht drin: mach das nicht! Aber es ist ein Erlebnis mal so Rauchware zu probieren, auf die Frage "is that illegal?" kommt eine Antwort wie "nobody asks that", also mal probieren, ist wie Shisha eisgekühlt mit interessantem Geschmack, achja man sagte vorher "your head will - boom", indeed sir, it booms. Irgendwie landet man dann beim Abendessen, das mündet irgendwie in eine Bar, diese muss zwar schon um 0:00 schließen, aber bis dahin ist genug Zeit für die Einheimischen völlig abzudrehen und für die Europäer zu erkennen, dass europäischer Bierdurst nichts für die Nachahmung Ungewohnter ist.
Nach einer so anstrengenden Nacht muss man natürlich erstmal eine Mütze Schlaf bekommen und genehmt sich gegen 13:00 ein Frühstück, etwas Indisches, wobei ich mir Namen nicht merke(n kann). Da ich leider zu spät war um mit nach Goa zu fahren (Party, Party, Party, aber der Bus war schon voll) fuhr ich nach Udupi und hab mir das mal angeguckt. Der interessante Teil der Geschichte ist das Busfahren: Den richtigen Bus zu finden ist nicht so schwer, man macht einfach die Ohren auf. Reiseziele sind natürlich nicht auf Schildern (erst gar nicht elektrisch) angeschlagen, sondern der Schaffner weist zurückhaltend darauf hin, dass der Bus aus dem er raushängt ein Ziel hat: "UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI UDUPI" für diese Zeichenkette braucht ein erfahrener Schaffner ernsthaft etwa eine Sekunde, wahnsinnig schnell. Gleichzeitig kann er das natürlich auch zurück nach "MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL MANIPAL". Jedenfalls setze ich mich recht naiv in den Bus, erkenne noch, dass auf der rechten Seite für Frauen reserviert ist, puh, erstes Fettnäpfchen umfahren. Dann aber sofort der erste Fehler: Ich hänge ganz lässig meinen Arm aus dem Fenster, fühlt sich erfrischend an! es ist aber nicht ungefährlich, da man den Arm auf der Fahrt möglicherweise liegen lässt! Trotz allem ist so eine Busfahrt etwas ganz Besonderes, gerade wenn man dabei einen Elefanten überholt. Ich war natürlich der Einzige, der mit großen Augen im Bus saß. Jedenfalls nimmt man in der Regensaison in einem Bus ohne Fenster und Türen einiges an Wasser mit, mittlerweile bin ich aber daran gewöhnt, Füße, Schuhe und Hosenbeine sind selten trocken. Meinen Samstag beende ich früh, die Müdigkeit der Reise übertrumpft das Adrenalin des Neuen und des Straßenverkehrs.
Dosa, typisch indisches Essen
Philipp ist aber gewillt auch kulturell etwas mitzunehmen, also gehe ich am Sonntag mit einigen anderen Praktikanten und ein paar Betreuern ins Kino, Dehli Belly, sehr lustig, wenig indisch, leider sehr viel hindi, das heißt kein englisch, keine Untertitel. Meine indische Sitznachbarin war aber so freundlich das Wichtigste zu übersetzen. Provinzkino in Indien ist aber nicht einfach ein kleines Kino, nein man verkauft Karten bis keiner mehr kommt. Man zahlt ja auch für den Film, nicht für den Sitzplatz. Gleichzeitig ist Kino auch etwas besonderes, und da dieser Film mit Schimpfwörtern und Fäkalhumor gespickt war, jubelte man häufig, Jubeln ist aber kein "oooohahahaha" wie im Wernerfilm, sondern ein Preifkonzert das nichtmal die Fortuna in Köln kriegen würde (okay, das ist vielleicht übertrieben). Kino ist aber ja nicht so richtig kulturell hochwertig, also besuche ich zum ersten mal einen Tempel (ich glaube, ich werde noch mehr davon sehen). Udupi Temple, sehr alt, erstaunlich viel Silber und Gold! Bei Tempeln lässt man sich nicht lumpen in Indien. Das absolute Highlight ist aber das Tempeltier. Dieses ist nämlich ein Elefant, jeder Tempel hat einen Tempelelefant, von diesem kann man sich auch segnen lassen. Der Elefant nimmt dafür ein Geldstück, in meinem Fall 2 Rupien (ca. 32 cent), das heißt der Elefant hält einem seinen Rüssel hin, man legt das Geldstück hinein, er hebt seinen Rüssel an, stupst dem zu Segnenden auf den Kopf und gibt das Geldstück mit einem klirrenden Geräusch seinem Herrn weiter. Wahnsinn, dieser riesige Elefant und so ein angenehmer Stups, man fühlt sich auch direkt besser. Also beschließe ich mehr von dieser Religion zu erfahren, die mir solche Freuden beschert. Zuerst gibt es aber etwas zum Abendessen, sehr traditionell in der Nähe des Tempels: Dosa, wie ein dünner großer etwas festerer Pfannkuchen, mit interessantem Dip, nach Belieben auch mit scharfem Innenleben.

Symbolik im Hinduismus (steh nich auf Bilderkippen), hat auch mit dem Text nichts zu tun

Ich nehme bis zum 30.09.2011 noch Bestellungen an.
Im Gespräch lernt man also drei Hauptgottheiten kennen, deren Namen ich aus Respekt nicht versuche zu schreiben. Dazu hat jeder dieser Götter viele Kinder und jeder ist mit jedem Verwandt, ein bisschen wie in der Bibel, nur dass hier jedes Kind die Familienverhältnisse kennt, wohingegen man in Deutschland komisch angeguckt würde, fragte man nach den Söhnen Abrahams. Liebe katholische Kirche: Nehmt euch ein Beispiel am Hinduismus, bringt diese Art religiöses lustiges Taschenbuch heraus, Amar Chitra Katha. Natürlich habe ich sofort zwei erstanden (Es gibt anscheinend hunderte dieser Hefte!)!
Jedenfalls lässt man so ein Wochenende dann gerne bei dem leckersten Schokoladeneiskaffee überhaupt ausklingen, die Speisekarte offerierte verschiedenste Versionen, alle mit Devil oder Sin im Namen, sehr schokoladig, sehr super!
Irgendwann fängt man aber zu Arbeiten an und macht tatsächlich das mit der Physik, das ist aber eine andere Geschichte.

Samstag, 16. Juli 2011

Odysseus in Manipal

Nachdem also kein Taxifahrer bereit war mich einzupacken, bzw an dem Ort abzusetzen den ich als mein Ziel auserkoren hatte, ging ich guten Mutes zu Fuß los. Interessanterweise war das auch die richtige Richtung, kam an einem riesigen Schild vorbei, darauf stand: "Manipal Institute of Technology"(MIT)  - Nice, ich bin also angekommen: Tourist Philipp packt die Digitalkamera aus, macht das Siegerfoto, geht zum Eingang und fragt den Wachmann wo denn das Innovation Centre wäre. Er verweist mich an die Manipal University, die deutlich weiter weg sei. Also drehe ich um und suche die Universität. In diesem Moment schlägt dieser Wassereimer, den wir aus der Entfernung Monsun nennen, zu! Kapuze auf den Kopf und weiterlaufen. Da erbarmt sich ein Rikschataxi, nimmt mich auf und fährt mich zur Manipal University, 20 Rupien, interessanterweise kostet jede Taxifahrt 20 Rupien, bisher habe ich nur einmal mehr gezahlt. An der Universität scheint der Wachmann vom Fach zu sein, er erkennt den Regen an und lässt mich in seine Wachmannbude. Dann ruft er interessante Sachen in sein Telefon und pfeift energisch das nächste Taxi ran. Das fuhr mich dann tatsächlich zurück zum MIT. Da war ich schon misstrauisch, vorhin war das ja noch falsch, naja.
Vor Gebäude 3 steht dann so eine Art bunter Wachmann, je bunter desto hochrangiger, denke ich mir in Gedenken an Herrn G. aus Lybien, und diesem zeige ich meinen bis dahin völlig durchnässten Ausdruck meiner letzten Email, in der nur drin steht wo ich nach meiner Ankunft hingehen soll. Der Finger deutet immer wieder auf "Innovation Centre" (Ich hatte irgendwie im Kopf das sollte in Block 4 sein), der Wachmann guckt irgendwie genervt und sagt was zu meinem Taxifahrer. Dieser fährt mich also zum Block 14, das sei das Richtige. Dort angekommen zahle ich das erste mal keine 20 Rupien sondern soll 70 löhnen, da biete ich ihm 40 und wir einigen uns auf 50. Das hätte Spaß gemacht, wäre ich nicht total übermüdet, durchnässt und hilflos vor dem nächsten Gebäude gestanden.
In diesem Gebäude gab es links eine Pinnwand mit vielen Flyern mit IAESTE Logo, denke ich mir: Super du bist also da. Laufe zum Mann am Empfangstisch und sage ihm ich sei Philipp aus Deutschland, man erwarte mich. Irgendwie hat er das anders gesehen und mich nach einigen Telefonaten in einem 1-Zimmer Appartement mit Klimaanlage untergebracht. Ich sollte aber nicht auspacken, ich würde nochmal umgezogen in ein Gruppenzimmer. In meiner misslichen Lage, immer noch nicht angekommen zu sein, nach wie vor hat dieser Mann keinen Plan gehabt wo ich hingehöre, er schien zufrieden mich in diesen Raum gepackt zu haben, versuchte ich ein bisschen zu ruhen. An dem Punkt drängte sich mir der Gedanke auf, warum mache ich das überhaupt: Hier ist kein interkultureller Austausch, man versteht einander nicht. Es regnet ununterlässlich und ich habe keinen Regenschirm. Es ist laut, riecht komisch und irgendwie große Ungeziefer.
Nach wenigen Minuten nervösem Dösen war ich entschlossen dieses blöde Innovation-Centre zu finden. Auf den Flyern stand etwas von "Innovation Centre, Academic Block 4, First Floor" also suche ich Block 4 und habe dabei Glück. Genau an der Stelle, wo der Wachmann noch sagte "Innovation-Centre" Block 14, sehe ich also Block 4, schreite durch ein gläsernes Portal (Bis dahin sah alles gleich ockerfarben aus), steige die Treppe in den ersten Stock, sehe IAESTE, finde sofort jemanden der mich zum gefragten Büro bringt und ich bin endlich angekommen. Ein heller Raum, superfreundliche Leute und Namensschilder auf denen Länder stehen. Ganz vorne Germany, verteilt auf den Raum Poland, Oman, und Ländernamen, die ich nicht schreiben kann. Meine Stimmung hellt sich schlagartig auf, als ich einen WiFi Zugang bekomme. Guten Mutes schreite ich zurück zu Block 14, packe meine Sachen, lege einem anderen Empfangstischmann den Schlüssel auf den Counter, finde meine Email, die dieser als Quittung einbehalten hatte und bin weg.
Nur noch ein paar Formalitäten und mein Hostel-Zimmer beziehen. Auf dem Weg zum Hostelzimmer erklärt mir einer der Koordinatoren er wäre am Tag zuvor morgens am Tiger Circle (Manipal Zentrum, wo alle Busse ankommen), gewesen um mich abzuholen. Als ich nicht ankam machte man sich Sorgen, da zeitgleich mit meiner erwarteten Ankunft am Flughafen auch die Bombings in Mumbai anfingen.
Hätte ich mich also nicht mit dem Ankunftsdatum verrechnet (ich lande am 14.07, also komme ich am 14.07 auch an ist leider nicht richtig mit 8 Stunden Busfahrt), wäre das alles wie geschmiert abgelaufen.
Dazu muss ich aber sagen, es gab deutlich interessantere Wege hierhin zu kommen: Tarek aus Syrien hat vom Flughafen Bangalore das Taxi nach Manipal genommen, da alle Flüge und Busverbindungen ausgebucht waren, irgendwie 14000 Rupien und ein überholter Elefant auf dem Weg.
Ich hatte rein monetär also Glück. Und das mit dem Elefant habe ich auch schon nachgeholt.

Ein Paar Stunden Reise

Am Gate angekommen sitze ich also da, Koffer der netten Dame am Fließband geschenkt, die Boardkarten für zwei Flüge in der Tasche. Ich bin einer der Ersten am Gate. Die Anderen bestechen durch effiziente Platzausfüllung der Gatewartehalle. Dubai ist als Touristenort noch nicht ausgestorben. 3 Kategorien Mensch sitzen da: Männlich auf Geschäftsreise mit Ziel Dubai, männlich auf der Reise irgendwohin auf dem Weg zum Umsteigen nach Dubai und füllige deutsche Touristen mit fülliger deutscher Touristenfrau, beide ohne Umsteigewunsch.
Noch ein letztes mal eine mitteleuropäische Bodentoilette, dann ab ins Flugzeug, Fernseher an und 'Airbus Front Cam' sehen, es ist 21:50, man sieht nichts. Im Flugzeug kommt das übliche: Sekt für die Touristenfrau, Bier für den Touristen, Tomatensaft für die Unentschlossenen. Dazu ein Sabbernder auf der rechten Seite und Prototyp deutscher Tourist auf der Linken. Dieser will zunächst das Essen ablehnen, weil der Tisch nicht auszuklappen geht, seine Frau ihm aber doch hilft und die untere Tischkante an der Hauptbauchfalte (Die, die an den Bauchnabel anschließt) fixiert! Nach dem Essen möchte deutsche Touristenfrau sich aber zunächst frischmachen, sie sitzt aber am Fenster, also kommt es wie es kommen muss und Touristenprototyp räumt, beim Versuch sich geschmeidig im Gang zu drehen, mit seinem Heck meinen Tisch ab.
In Dubai erwarten mich mehrere Stunden Aufenthalt, ich gehe damit nicht sparsam um und schlendere so durch die Gegend. Meine Trajektorie ähnelt einer geschriebenen 56, bei der man später erkannt hat, man möchte doch lieber eine 81, ich bin also überall so ein bisschen gewesen. Im Duty-Free Geschenkeshop finde ich Kiloweise NIDO (Nestle Milchpulver Zeug) und habe die Hoffnung vielleicht auch ein bisschen Panda zu finden, ich hätte da niemals nein zu sagen können. Hat leider nicht geklappt, vielleicht auf dem Rückweg. Stattdessen gebe ich mich dem Durst hin und fange an einzukaufen. Ich habe ein paar Dirham und weiß überhaupt nicht was die Wert sind. Ich fange also an: Eine Flasche Wasser 0,6 l, Marke unbekannt, für 7 Dirham. Das ist jetzt mein Referenzwert. Kurze Zeit Später finde ich eine Flasche Sprite 0,5 l, eisgekühlt für 2 Dirham, Schnäppchen Quasi und gönne mir das Dubai-Touristenfrühstück bestehend aus einer Art Big-Mac, dessen Geschmack vom allgegenwärtigen Kreuzkümmelaroma überlagert wird, sogar das Geld riecht nach Kreuzkümmel. Nach einem weiteren Random-Walk am Dubaier Flughafen wird es Zeit die Reise gen Indien anzutreten: Ich schnappe mir also die Financial Times und lese den Titel über die Bombings in Mumbai, Flughäfen in Chennai, Delhi, Kalkutta und Bangalore seien zusätzlich gesichert: Ich bin gespannt, steige in den Bus Richtung Flugzeug und denke mir, die Abgase von den Bussen machen ganz schön viel Wärme. Als ich neben dem Triebwerk des Maschinenvogels meiner Wahl stehe, wird mir klar: Es ist unendlich heiß hier in Dubai. Ich stehe tatsächlich in einer Wüste, aber es ist nicht unangenehm! Und da die Touristen einer Reise ins ferne Indien entsagen, bleiben Einheimische und wenige (4 europäisch anmutende Menschen) andere übrig einander gegenseitigen Schweiß zu riechen. Ich rieche noch immer nichts als Kreuzkümmel.
Es ist irgendeine Uhrzeit, ich habe etwa 2 Stunden Schlaf im Körper, fühle mich aber Pudelwohl. Ich habe jetzt eine interessante Art Essensäquator überwunden (Der Weißwurstäquator kann da nicht mithalten!), zuerst ging das Schwein über Board, jetzt auch noch das Rind. Ich esse aber mal was vegetarisches, interessante Konsistenz gepaart mit Curry, diese weltbekannte Küche der Fluglinie Emirates gibt einiges her. Nachdem sich Sucker Punch als Blödsinn entpuppt, vage ich einen Blick auf den Schirm des Nachbarn, dieser verfällt alle 5 Minuten in Lachkrämpfe, also mal gucken. Es ist den Farben nach Bollywood, die Handlung teilt sich in zwei Elemente: 1) Ältere Herren streiten sich, am Ende kommt etwas Witziges, Mann neben mir lacht. 2) Junge Menschen tanzen, am Ende kommt etwas Witziges, Mann neben mir lacht. Ich bin fest entschlossen Bollywoodfilme zu gucken!
In Bangalore bekomme ich unerwartete einfach meinen Koffer, kann unerwartet zügig einreisen und komme unerwartet früh in Kontakt mit meinen neuen Freunden: Typ Kleinunternehmer, Branche Reiseführung. Noch in der Ankunftshalle, die durch das Militär von Nichtreisenden geschützt wird, bietet man mir Lautstark und vehement seine Dienste als Taxifahrer, Hotel oder Abenteuerreisenveranstalter an. Ich habe aber einen Plan: Ich gehe erstmal Geld tauschen, 40€ sollen irgendwie sowas wie 2330 INR wert sein, ich erhalte 2300, seien ja noch Tax etc. drauf. Ich fühle mich zunächst in meiner Reiseehre gekränkt, kann aber mit dem Betrug über 80 cent noch zufrieden sein, wie ich später feststelle. Laut Plan reise ich jetzt mit dem Bus nach Kempegowda, Majestic Bus Stand, mitten in Bangalore. Ok raus aus dem Flughafen- rein ins Getümmel. Ich sauge gerade alles neue auf, mit Augen, Ohren und Nase - und bin zunächst überwältigt. Ich sehe zwar kaum ein Auto in Bewegung, trotzdem hupt man nach Belieben. Das System dahiner wird mir später aufgehen. Auf meiner Suche nach dem Busterminal am Flughafen Bangalore International, über dessen Größe der Flugplatz in Konstanz sich als International definieren könnte, wimmele ich effektiv die nächsten 40 Kleinunternehmer vom Typ Reiseführer ab. Ich wirke mit meinem roten Bart einfach zu europäisch und damit unendlich reich!
Der Bus in die Stadt hat Türen, einen Fahrkartenverkäufer (Schwarz fahren gibt's nicht! Du steigst ein, wartest, bezahlst dein Ticket), einen Fahrer und eine richtig knackige Soundanlage, die die Reisenden richtig in Fahrt bringt. 
Man traut sich also aus dem Fenster zu schauen (links) und sieht sich in allen Erwartungen bestätigt: 1 Mio Rollerfahrer ohne Helm, junger Mann am Steuer, eine beliebige Anzahl Kinder auf dem Sitz und die Mutter hinten drauf, Sicherheitsgurt vom Typ 'Mutters Arm'. Bei Anwesenheit nur eines Kindes ist es möglich während dem Rollerfahren dieses zu Stillen. Beim Blick nach rechts sehe ich einen Bus vom Typ 'Bud Spencer und Terrence Hill in Brasilien in den 50er Jahren' proppevoll mit einer großen Anzahl  von Reisenden auf den Stufen, achja natürlich ohne Türen.
Und dann passiert etwas völlig unerwartetes um 18:30 Ortszeit geht einfach die Sonne unter, die Dunkelheit passt zwar in meinen Biorhythmus, nicht aber in den Plan in Bangalore meinen Anschlussbus zu finden. Dort bin ich als Reisender aus dem neuen roten Bus mit Türen ein potentieller Kunde für die nächste Schar Kleinunternehmer, diesmal möchte ich doch den Dienst in Anspruch nehmen und frage nach dem KSRTC Stand. Anscheinend sei das nicht das Richtige für mich, ich bräuchte etwas Besseres, er kenne sich aus und möge mir helfen, my friend. Nein Danke, ich gehe mal in -hmmm- diese Richtung: Dort ist eine Sicherheitskontrolle und ein verblichenes Schild KSRTC, das war ja leicht. Sicherheitskontrolle meint: Da ist so ein Automat, der immer piept wenn jemand hindurchschreitet, vielleicht greift man ein, wenn es nicht piept, man weiß es nicht. Dahinter erreichen mich erneut Kleinunternehmer, erneut versuche ich ihre Dienste in Anspruch zu nehmen und frage nach der Toilette. Ich habe mich auf einiges vorbereitet und am Ende sieht das da nicht viel anders aus als die alte Pipirinne in Knechtsteden, nur dass das viel größer und geruchlich anspruchsvoller ist. Es riecht nach allem, nur nicht sauber. Ich habe noch ein paar Stunden Zeit und lese ein bisschen, Koffer zwischen so Pollern eingeklemmt, Rucksack um die Beine, ich bin ein wenig misstrauisch. 
Da sitze ich also in Indien, es ist wahnsinnig laut, es riecht nach komischen Sachen, ich scheine eine Attraktion zu sein, mein roter Koffer ebenso. Da kommen kleine Kinder und erklimmen ihn, halten sich am Griff fest und sind die Könige der Welt und tippen mir ständig auf Kopf, Schulter und Gesicht rum. Ich kontrolliere relativ panisch die Anwesenheit von Geld, Reisepass und Handy, doch diese Kinder sind nicht durch die Ausbildung in der Düsseldorfer Weihnachtszeit gegangen. 
Meine Abfahrtszeit rückt näher und ich versuche rauszufinden welchen Bus ich nehmen will. Leider bin ich nicht fähig den örtlichen Englischdialekt zu verstehen, bis ich an einen Wachmann gerate, welcher viele bunte Sachen um sich herumhängt. Dieser spricht englisch und kann mir sagen, dass Gate 1 das Richtige ist. Da ich als planungsorientierter Mitteleuropäer meine Busreise im Voraus gebucht hatte und ich wusste es ist das Modell Volvo Airvat (Klimaanlage ist Top-Notch) suchte ich mir den europäisch anmutenden Reisebus, verschenkte meinen roten Koffer an diesen freundlichen Herren und ließ mich nach Vorweisen des Reisepasses in den Bus schieben. Dieser ist sehr bequem, es fällt mir aber schwer zu schlafen, der Blick aus dem Fenster ist atemberaubend. So viele Menschen auf Rollern, in Bussen, wenige in Autos, aber vor allem auf der Straße, ganz viele kleine Läden vom Apple-Trusted Reseller zum Handyverkäufer Typ 'Vom Laster gefallen' Es ist etwa 22:30 und es bleibt gewohnt laut.
Beim Blick auf die Uhr ist es irgendwann 3:00 morgens, es bleibt laut und die Hütten, auch Bretterverschläge am Straßenrand genannt, sind beleuchtet, der örtliche Kleinunternehmer ist bereit die Nachfrage der Laufkundschaft zu bedienen.
Ich sehe mich einem anderen Problem gegenüber stehen: Ich kenne den Fahrplan nicht, und verstehe nicht was der Reisebegleiter ruft. In einem Ort, an dem Viele Firmen Manipal im Namen stehen haben, fühle ich mich dem Ziel nah genug, den Bus zu verlassen. Mein Buskutscher ist aber informiert und sagt mir "Udupi?" - "No, Manipal" - "Next Manipal, Sit" - "Thank you, Sir". Ich steige also doch nicht aus, setze mich aber in die erste Reihe um das volle Geschmackserlebnis Indischer Straßenverkehr zu erhalten. Ich glaube, ich werde gerade in die Feinheiten der Hupenbenutzung eingewiesen: Vor dem Überholen, nach dem Überholen, wenn man anzeigen möchte, dass der Hintermann überholen soll und wenn man den Vordermann überholen möchte. Beim Spurwechsel, Abbiegen oder aus Freude. Interessanterweise gibt sehe ich kaum Schrammen: Weder an Autos, Autorikschas (Dreiräder mit Motor und lustiger Musik), Motorrädern oder Bussen. Man unterhält zwar Ampeln, diese sind aber im Dauermodus gelbes Blinken. Gleichzeitig scheinen alle Verkehrsteilnehmer hier Energie zu sparen. Das Licht wird nur angeschaltet wenn unbedingt notwendig: wenn es Straßenbeleuchtung gibt, schaltet man das Licht am Motorrad besser aus. Stattdessen hupt man, wenn man bemerkt werden möchte! Aus meiner ersten Reihe heraus entdecke ich also massenhaft Geisterfahrer, mein Buskutscher - die Ruhe selbst manövriert sein Schiff sicher in meinen Zielhafen Manipal, Am Tiger Circle morgens um halb 7 ist tatsächlich Ruhe. Ich Folge den Anweisungen in meiner letzten Email und fordere den Autorikschafahrer auf mich zum Innovation Centre of MIT zu bringen, dieser schüttelt nur den Kopf und fährt los, alle anderen 'Taxis' sind mit ihren Kunden abgezogen, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg in die Richtung, die am ehesten nach Indiens führender Technologiestätte riecht. Bis hierhin hat alles wunderbar geklappt. Die Odyssee beginnt an diesem Morgen.

Edit: Ganz vergessen, die Abfahrt in Udupi verzögerte sich, da eine Kuh auf der Straße stand. Kuh bedeutet stiktes Hupverbot und kein schnelles Vorbeifahren. Wenn es also plötzlich ruhig ist im Straßenverkehr, ist entweder Regensturm (wie in diesem Moment, da hört man nur das Wasser) oder eine Kuh steht im Weg.

Samstag, 9. Juli 2011

Vorfreude

So meine lieben Damen und Herren,


nachdem dann mein Visum doch endlich rangekommen ist freue ich mich auf Düsseldorf-Dubai-Bangalore und am meisten auf den Bustrip von Bangalore nach Manipal. 


Und nur ganz kurz mal eben:
Liebe Verwandtschaft: Meine Freunde aus Sandkasten, Schule und Universität lesen das hier auch, deshalb wundert euch nicht über unziemlichen Sprachgebrauch!


Liebe Freunde aus Sandkasten, Schule und Unität: Meine Verwandtschaft liest das hier auch, deshalb wundert euch nicht über den ungewohnt politisch korrekten Sprachgebrauch!


Warum es das hier überhaupt gibt: Ich versuche euch auf dem Laufenden zu halten. Ich habe gelernt, dass man im Ausland traditionell nicht erreichbar ist und man niemals genug E-mails und Postkarten schreiben oder an alle gleichzeitig denken kann. Und so schreibe ich keine ellenlangen E-mails. 
Jeder (Achja an dieser Stelle fällt es mir ein: Ich werde diese Blogeinträge nicht gendern!) kann also hier nachlesen, was mir da drüben so passiert. Und bevor ich's vergesse: ruhig auch weitersagen, dass man hier was lesen kann.


Für die Coolen unter euch: google+ wird sicherlich blogger zum Lesen integrieren, RSS-Feeds gibt's sowieso, liebe Verwandtschaft: Lasst es euch von euren Kindern erklären oder vorlesen.


Liebe Grüße, noch aus Konstanz